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Der Schiller und der Hegel,
der Uhland und der Hauff,
das ist bei uns die Regel,
das fällt uns gar nicht auf.

Der Stolz der Schwaben auf ihre Dichter und Denker, der aus diesem vielzitierten Vers des ehemaligen Maulbronner Ephorus Eduard Paulus spricht, kommt nicht von ungefähr. Die Domäne der Schwaben ist das Wort, das Wort in der ganzen Vielfalt seiner Wirkungsfelder.

Dass dies so ist, daran haben die 1556 im Zuge der Reformation in Württemberg eingerichteten Klosterschulen, die heutigen Evangelischen Seminare samt dem Tübinger Stift, maßgeblichen Anteil. Denn sie wurden gegründet lange bevor irgendwo auf der Welt an eine allgemeine Schulpflicht zu denken war und standen dennoch vom ersten Tag ihrer Existenz an in einer jahrhundertealten Tradition, nämlich jener des geistlich orientierten, kulturprägenden mönchischen Gemeinschaftslebens.

Wie kam es dazu, dass an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit junge Menschen der neu entstandenen "reformierten" christlichen Kirche die Stelle "katholischer" Ordensmönche einnahmen und in den vom benediktinischen "Bete und arbeite!", von Aufopferung, Askese und Entsagung geprägten Klöstern sich auf das Studium der Evangelischen Theologie und das Pfarramt vorbereiteten?

Nach dem Augsburger Religionsfrieden des Jahres 1555 war es das Recht des jeweiligen Landesherrn, für sein ganzes Territorium die Religionszugehörigkeit festzulegen. Im darauffolgenden Jahr erläßt Herzog Christoph von Württemberg die neue, auf der Reformation Luthers fußende Klosterordnung. Maulbronn und Blaubeuren werden wie die übrigen Männerklöster des Landes in Schulen umgewandelt mit der Bestimmung, für die junge evangelische Landeskirche den geeigneten Pfarrernachwuchs heranzubilden. Hierzu werden dem Abt. der sich neben der Leitung der Internatschule weiterhin um die Verwaltung der Klostergüter zu kümmern hat, zwei "Präzeptoren" an die Seite gestellt, und im Bildungsplan tritt zu dem Bibelstudium verstärkt die Beschäftigung mit dem Bildungsgut der Antike. Der äußere Tagesablauf bleibt mit Psalmensingen und Bibellesungen noch weitgehend der mönchischen Tradition verpflichtet, ebenso die Kleidung, die beim Eintritt ausgehändigt wird.

In die neuen Schulen werden bestimmungsgemäß 12-14jährige Jungen "aus ehrbaren christlichen Familien" des Landes aufgenommen, nachdem sie sich zuvor in Stuttgart erfolgreich einer strengen Prüfung ihrer schulischen Leistungen unterzogen haben. Die meist erst nach wiederholten Anläufen Aufgenommenen erhalten aus dem Kirchenkasten, dem vom Herzog eingezogenen Klostergut, ein Stipendium, das Schulbesuch, Unterkunft und Verpflegung umfaßt.

Als die Grauen des 30jährigen Krieges über Europa hereinbrachen, blieben auch die Klöster nicht verschont. Das Restitutionsedikt von 1629 verfügte die Rückgabe aller nach 1552 von den Protestanten eingezogener Kirchengüter. Die überstürzte Flucht der Klosterinsassen, der Zöglinge, Präzeptoren und Prälaten, vor den kaiserlichen Kürassieren und Musketieren ermöglichte die vorübergehende Rückkehr der Ordensmönche in die württembergischen Klöster. Auch nach dem Westfälischen Frieden von 1648 war an eine sofortige Wiederaufnahme des Unterrichtsbetriebes nicht zu denken: Die Klostergüter, Weinberge und Gehöfte waren verwahrlost und verwüstet. In dem besonders stark mitgenommenen Maulbronn dauerte es acht Jahre, bis die Schule mit 34 Zöglingen wieder eröffnet werden konnte. Freilich waren auch damit im Lande Frieden und Ruhe, Voraussetzung einer fruchtbaren Arbeit, noch nicht wieder vollständig hergestellt. Dies bessert sich im 18. Jahrhundert, von dem uns Justinus Kerner (1786-1862) in seinem "Bilderbuch aus meiner Knabenzeit" eine lebendige Schilderung gibt. Es ist eine Zeit stetiger, unauffälliger Arbeit mit und an den jungen begabten Söhnen des Landes. Nach alter Weise werden Theologie, die klassischen Sprachen der Antike, Logik, Rhetorik und Dialektik gelehrt und gelernt. Nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens, besonders natürlich der Kirche, kommen die Früchte zugute; vor allem hierin ist der gute Ruf der württembergischen Pfarrerschaft begründet.

Eine tiefgreifende Neuerung brachte das Jahr des 250jährigen Bestehens der Klosterschule:

Friedrich I., neuernannter König eines durch die Gebietsreformen Napoleons wesentlich vergrößerten Württemberg, verstaatlichte 1806 endgültig das gesamte Kirchengut und führte die Klosterschulen in staatliche "Evangelisch-theologische Seminare" über. Das Ziel der Ausbildung bleibt zwar weiterhin die Vorbereitung auf das Theologiestudium; doch werden Form und Inhalt des Unterrichts nun freier, wissenschaftlicher, weltoffener; sogar die Naturwissenschaften finden - freilich in beschränktem Umfang - Eingang in die Stundentafeln. Im Innern des Seminars hat an Stelle des bisherigen Abtes und Prälaten nun ein "Ephorus" die Oberaufsicht; zu den beiden "Professoren" treten als Aufsichtslehrer zwei "Repetenten". Die noch an die mönchische Vergangenheit erinnernde Kutte weicht bürgerlicher dunkler Kleidung.

Auch in diesem Jahrhundert weltlicher Trägerschaft durchlaufen eine Vielzahl späterer schwäbischer Geistesgrößen die Seminarschulen, wobei nun die Zahl derer, die sich in Wissenschaft und Verwaltung, in Politik und Literatur hervortun, auffallend steigt. Zu besonderer Berühmtheit gelangten die Dichterschüler, Friedrich Hölderlin beispielsweise, dessen Schulzeit noch ins 18. Jahrhundert fällt (1784-1788), oder Hermann Kurtz (1827-1831 in Maulbronn), der Dichter von "Schillers Heimatjahre", dessen Seminarfreund Eduard Zeller später als Philosoph Berühmtheit erlangte, ebenso Eduard Mörike und Georg Herwegh durchweg Männer mit theologischem Hintergrund und außergewöhnlicher Biographie. Gegen Ende des Jahrhunderts verbringt auch Hermann Hesse noch eine kurze Zeit in Maulbronn, die sich in seinem späteren literarischen Schaffen als ungewöhnlich fruchtbar erweisen sollte. Sein Ausscheiden nach einer nur wenig mehr als ein halbes Jahr dauernden Seminarzeit und deren dichterische Umsetzung in der Erzählung "Unterm Rad" haben das Seminar fast berühmter gemacht als die erfolgreich absolvierte Schulzeit der anderen zusammengenommen. Freilich sind es nicht die Außergewöhnlichen, nach denen die Bedeutung einer schulischen Einrichtung zu messen ist; wichtiger ist vielmehr die tägliche und kontinuierliche Arbeit, die in die Breite wirkt andererseits ist ohne eine solche Breitenwirkung das Besondere nicht denkbar.

Segensreiche Arbeit leisten dabei die häufig außergewöhnlichen Lehrer der Seminare aus deren großer Zahl Karl Christian Plank genannt werden soll, Professor in Blaubeuren,1879/80 Ephorus in Maulbronn, der in prophetischer Weise die dem Materialismus entspringenden Bedrohung unseres Lebens voraussah, oder Eberhard Nestle (1898/1913 in Maulbronn) dessen kritischer Ausgabe des griechischen Neuen Testaments epochale Bedeutung zukommt.

Den Hauptnutzen aus der außergewöhnlichen Bildungsarbeit dieser Männer und der Seminarschulen insgesamt zog auch unter dem König die evangelische Kirche von Württemberg, kam doch nach wie vor ein wesentlicher Teil des württembergischen Pfarrernachwuchses aus diesen Schulen. Auch für das gute Verhältnis zwischen Staat und Kirche, das bis heute die Situation in Württemberg kennzeichnet, haben die Seminare ihren Beitrag geleistet, gedachte doch auch so mancher Repräsentant des Staates dankbar seiner gründlichen Berufs- und Lebensvorbereitung in einem der Seminare.

Folgerichtig wurde auch nach der Abdankung des württembergischen Königs die Gemeinsamkeit von Kirche und Staat in der Verantwortung für die damaligen Seminare Maulbronn, Blaubeuren, Schöntal und Urach erneuert. Nach eingehenden Verhandlungen wurden sie im März 1928 in eine von Kirche und Staat gemeinsam getragene Stiftung überführt. Der damals getroffenen Vereinbarung zufolge bleibt das Klosteranwesen in Maulbronn zwar in Eigentum und Unterhaltspflicht des Staates, geht aber in den dauernden Besitz der Kirche über, solange diese nicht einseitig den Seminarstatus verändert. Die von Kirchenleitung und staatlicher Schulverwaltung gemeinsam gebildete "Evangelische Seminarstiftung" mit Sitz beim Oberkirchenrat in Stuttgart überträgt dem von ihr ernannten Ephorus die Leitung des staatlichen Gymnasiums, des kirchlichen Heims und die Verwaltung der mit dem Kloster verbundenen Kirchengüter. Entsprechend unterliegt das Seminar im schulischen Bereich der staatlichen Schulaufsicht von Oberschulamt und Ministerium, der Unterhalt des Internats aber wird von Seminarstiftung und Oberkirchenrat getragen, desgleichen die Ausstattung und Versorgung der Schule.

Trotz dieses bis heute gültigen Rechtszustandes - unterbrochen durch eine 4 Jahre andauernde rechtswidrige Beschlagnahmung der Seminare während der NS-Zeit - haben sich im Innern des Seminars tiefgreifende Veränderungen vollzogen, die den Anforderungen an eine zeitgemäße Bildung und Erziehung der Jugendlichen (seit 1972 werden auch Mädchen aufgenommen) Rechnung tragen. Geblieben aber sind bei allen gesellschaftlichen Wandlungen bis heute - und werden bewußt und nachdrücklich gepflegt - die beiden tragenden Säulen Antike und Christentum, altsprachliche humanistische Schule und bewußt vom Evangelium geprägtes Gemeinschaftsleben.

In dieser Treue zu einer gewachsenen und als sinnvoll erkannten Tradition versucht das Seminar nach wie vor jungen Menschen nicht nur eine tragfähige intellektuelle Grundlage, sondern auch eine Hilfe zur Orientierung in einer weitgehend unübersichtlich gewordenen Welt zu vermitteln.

Letzte Änderung: Dezember 2003